Das ideale Portraitobjektiv…

…gibt es nicht. Genauso wenig wie es die ideale Kamera gibt. Trotzdem möchte ich aufgrund einiger Anfragen mal die Vor- und Nachteile der einzelnen Objektivtypen erläutern.

Journalistisches Portrait mit 50mm, Blende 1,4

Journalistisches Portrait mit 50mm, Blende 1,4

Erstmal stellt sich natürlich die Frage, welche Art von Portraits gemacht werden sollen. Für Szenische und reportagige Portraits mit viel Umfeld setze ich auch gerne mal ein leichtes Weitwinkel ein. Ein 50er erzeugt durch die entstehenden leichten Verzerrungen  ein sehr „nahes“ Bild. Wenn wir aber vom klassischen Kopf- bzw Brustbild ausgehen, sollten wir lieber zu einer längeren Brennweite greifen. Bei Bildern, die nicht im Studio entstehen,  ist es meist auch erwünscht, den Hintergrund möglichst unscharf zu machen, um die Person davon zu trennen. Dafür gibt es ein paar Faustregeln:

Der Hintergrund wird um so unschärfer,

  • je größer die Blendenöffnung
  • je länger die Brennweite
  • je größer der Abstand zum Hintergrund
  • je kleiner der Abstand zur Person
85mm, Blende 2

klassische Portraitbrennweite 85mm, Blende 2

Bei der Auswahl eines geeigneten Portraitobjektives spielen natürlich erstmal die Faktoren Budget und Verfügbarkeit eine Rolle. Die Frage, ob ein Zoom oder eine Festbrennweite geeigneter ist, kann ich aus meiner Erfahrung nur so beantworten: eine kleine Portraitlinse wirkt natürlich nicht so einschüchternd wie ein fettes Telezoom. Ob man ein Autofokusobjektiv oder ein gutes altes Manuelles bevorzugt, muss jeder selbst entscheiden. Für mein professionelles Arbeiten bevorzuge ich inzwischen AF-Objektive. Denn da muss jeder Schuss sitzen, die zu Fotografierenden haben wenig Zeit und ich meist keine Möglichkeit zur Wiederholung eines shootings.  Für langsame und entspannte Portraitsitzungen ist aber ein manuelles Nikkor eine preiswerte und gleichzeitig qualitativ hochwertige Alternative. Nebenbeibemerkt: Die (seltsamer Weise ja auch erst seit kurzer Zeit geführten) Diskussionen, ob nun das eine oder andere Objektiv das schönere „Bokeh“ hat, halte ich für vollkommen übertrieben. Die oben genannten Faktoren wirken sich deutlich stärker aus als der Objektivtyp. Und sich stattdessen etwas mehr mit Lichtführung und Bildkomposition zu beschäftigen ist da sicherlich sinnvoller.

Hier kam das AF-Nikkor 105/2,0 DC zum Einsatz

Hier kam das AF-Nikkor 105/2,0 DC zum Einsatz (volle Öffnung)

Exemplarisch möchte ich mal ein paar Objektive mit den jeweiligen Vor- und Nachteilen vorstellen.

Nomalbrennweiten von 50mm entsprechen wie der Name schon sagt etwa dem Augeneindruck, die Perspektiven wirken natürlich. Jedenfalls wenn die Person als halbe oder ganze Figur abgebildet wird. Für reine Kopfbilder müssen leichte Verzerrungen in Kauf genommen werden, die aber andererseits auch recht „intim“ wirken können. Das gilt aber nur fürs Vollformat (FX); beim DX-Chip der kleineren Nikons wird das 50er durch den Cropfaktor zu einem schönen kurzen Portraitobjektiv.

kaum grösser als Ein Nomalobjektiv: Nikkor 85/2,0 AIS

kaum grösser als ein Nomalobjektiv: Nikkor 85/2,0 AIS

Nun aber der Klassiker: ein 85er ist die universellste Portraitbrennweite, dazu sehr kompakt und relativ preiswert. Das legendäre Nikkor-H 85/1,8 war in den sechziger Jahren der Grund für viele Fotografen, auf Nikon umzusteigen. Es ist auch heute noch gelegentlich bei Nikonclassics erhältlich und bringt auch an der D800 noch eine sehr gute Leistung. Das viel spätere AF-Nikkor 85/1,8 ist optisch ähnlich, verfügt jedoch über die Besonderheit einer schnellen Hinterlinsenfokussierung. Das aktuelle 85/1,8 AF-S ist zwar leiser im Fokus, dafür aber grösser und teurer. Nur geringfügig lichtschwächer ist das von 1977-1995 gebaute sehr kompakte manuelle 85/2,0, das sich (völlig zu Recht) immer noch grosser Beliebtheit erfreut. AI- und AIS-Version sind bei diesem Typ optisch baugleich. Der grosse Bruder, das Nikkor 85/1,4 AIS, ist ein teures Spezialobjektiv, haptisch aber ein Genuss. Es wirkt wie aus dem Vollen gefräst. Die grosse Öffnung von 1,4 ist prima zum Freistellen, erfordert aber sehr genaues Arbeiten. Wenn Geld keine Rolle spielt, käme sicher auch das aktuelle 85/1,4 AF-S in Betracht.

 Portraitspezialist: AF-Nikkor 105/2,0 DC

Portraitspezialist: AF-Nikkor 105/2,0 DC

Ebenfalls sehr beliebt ist die 105er Brennweite. Das manuelle Nikkor 105/2,5 gehörte schon an der Nikon F zur Standardausrüstung vieler amerikanischer Fotografen. Die AIS-Variante mit eingebauter ausziehbarer Sonnenblende wurde noch bis 2005 gebaut, ebenso die lichtstärkere Variante mit Blende 1,8. Aber auch hierfür gilt es sehr genau scharf zu stellen, denn die Schärfentiefe bei voller Öffnung ist extrem gering. Auch die 105er Mikro-Nikkore eignen sich natürlich für Portraits, noch viel mehr aber das aktuelle AF-D Nikkor 105/2,0 DC. Das solide Profi-Objektiv verfügt über eine sogenannte „Defocus Image Control“-Einstellung, dessen Auswirkungen aber in der Praxis sehr subtil sind. Es zeichnet aber bereits bei voller Öffnung knackscharf.

DDR-Raumfahrtpionier Sigmund Jähn, 180mm, Blende 4

DDR-Raumfahrtpionier Sigmund Jähn, 180mm, Blende 4

Noch längere Telebrennweiten haben den Vorteil, die Figur besser freizustellen, nachteilig kann sich aber die durch den grösseren Arbeitsabstand erschwerte Kommunikation mit dem Modell auswirken. Auch die Perspektive kann dann etwas unnatürlich wirken. Das Bild vom Kosmonauten Sigmund Jähn enstand in seiner kleinen Wohnung, die natürlich nicht zu sehen sein sollte. Die lange Brennweite ermöglichte das.

Welche Brennweite Sie auch bevorzugen, wahrscheinlich werden Sie bei Nikonclassics fündig!

7 Gedanken zu „Das ideale Portraitobjektiv…

  1. Randle P. McMurphy

    Es wird wohl auf ewig eine Geschmacksache bleiben,
    aber ich habe mit einem 135er begonnen und bin da
    irgendwie „hängengeblieben“.
    Ich liebe mein 85er und 105er die ich auch digital
    regelmäßig verwende – aber wenn ich definitiv zu
    wählen hätte ist die Entscheidung final das 135er.

    Analog and den F´s oder Nikkormaten ist es das günstige
    und dezente Nikkor Q 3,5/135.
    Digital an der D800 das traumhafte Nikkor AIs 2,0/135.

    Antworten
  2. Reinhart Regin Reuschel

    Porträts sind das, weshalb ich die Kamera am häufigsten in die Hand nehme. So ziemlich alles wurde deshalb durchprobiert: vom Superweitwinkel bis zum 500er Spiegeltele; es blieben bei all dieser Vielfalt pro Brennweite einige aussagestarke Fotos hängen. Aber als „vernünftigste“, d.h. „all-in-one vielseitigste“ Brennweite gilt für mich das 85 mm, weil ich hiermit Einzelporträts und Gruppenporträts (z.B. drei Personen), aber auch Landschafts-Porträts auf den Punkt gebracht abbilden kann. 1968 fing ich mit einem „Pro-Tessar 3,2/85“ zur Contaflex Super B an – ziemlich grauenhaft! 1971 startete ich meine Nikon-Ära, die bis heute und weiterhin anhält, gleich mit dem Nikkor-H Auto 1,8/85 an der Nikon F und finde mich mit den 85mm bestens zurecht, so dass ich heute die alten 85mm-Klassiker bis auf das 1,4/85 bei mir versammelt habe und nach Lust und Laune benutze. Über den Nutzen einer Lichtstärke von 1:1,4 statt 1:1,8 konnte mich bisher niemand überzeugen – Problem Schärfentiefe! Das 105er habe ich nur als Micro-Nikkor 4.o/105 – bei Nah-Porträts wäre eine höhere Lichtstärke eh sinnlos. Beim 135er liebe ich sie alle: 2,0, 2,8 und 3,5. Das ED-2,8/180 bringt aus größerer Entfernung schöne Porträts. Ebenso schätze ich das legendäre Zoom-Nikkor 4,5/80-200, das inzwischen dreifach bei mir vorhanden ist: zweimal die jüngste Ausführung (750g), einmal die ältere mit 830g Gewicht und anderem optischen Aufbau. Der Vorteil des Zoom ist zweifellos die Bildausschnittvariation, ohne dem Porträtierten unentwegt näher zu kommen bzw. von ihm wegzurücken. Vor etlichen Jahren schätzte ich sogar das OM-Zuiko 1,4/50 mit Original-Adapter an der Olympus PEN-F; schon damals gab es wegen des Halbformats 18/24 der PEN F so einen „Crop-Faktor“, dort 1,4x, so dass aus dem 1,4/50er ein 1,4/70er wurde, was für Porträts tolle Ergebnisse brachte. Bis heute fotografiere ich ausschließlich klassisch, also analog, also Nikon-classic;-)) Das 85er Nikkor habe ich als H-Auto 1.8 (1969), als H.C-Auto 1.8(1973), als anschließendes Nikkor 1.8/85 (1975/76), als AI 2.o/85 (etwas länger erscheinender Tubus) und als finale AIS-Version 2.o/85 (sieht kompakter aus). Beliebt ist bei mir auch das „weiche“ Nikkor-Q Auto (ohne C-Vergütung!) 2.8/135 wegen der für Porträts meist besseren „schlechten Schärfe“ dieses Typs und wegen der einzig vernünftigen Streulichtblende, die am Objektiv montiert ist, sich herausdrehen und dann arretieren lässt.

    Und nicht vergessen: Wir sehen heute viel Technik, auch viele Gimmicks daran, aber wir sehen ganz eindeutig keine besseren, aussagestärkeren Fotos, als sie schon vor 50 Jahren gemacht wurden! Ich bekenne mich zur (Bild-)Aussage und ignoriere „Apps“…

    VGRR

    Antworten
  3. Randle P. McMurphy

    Die Diskussion über Lichtstärke stammt sicher noch aus alt-analogen Zeiten
    wobei der Unterschied zwischen 1,4 und 1,8 auch schon damals kaum
    größere Tragweite gehabt haben dürfte als ein Geltungsbedürfniss zu befriedigen.
    Nur der Bruchteil der Nutzer benötigte damals und heute die volle Lichtstärke.
    Selbst im Portraitbereich wenn es um selektive Schärfe und „traumhafte Anmutung“
    geht dürfte die Minderzahl voll aufgeblendet fotografieren.
    Sinn macht da nur der damit erreichte hellere Sucher bei manueller Scharfstellung
    und da gibt es einen merklichen Unterschied erst bei Sprüngen zwischen 2,0 und 4,0
    also mehreren Blendenstufen…………meiner Meinung nach.

    Antworten
  4. Martin Kleinheinz

    Was für ein großartiger Blog!
    Welcher Film wurde für das erste Bild verwendet? Die Farben sehen umwerfend aus. Wirkt so digital, aber man erkennt sofort, dass es auf Film aufgenommen wurde.
    Viele Grüße!
    Martin Kleinheinz

    Antworten
    1. Nikonclassics Artikelautor

      Hallo Martin Kleinherz,

      alle Portraits auf dieser Seite wurden mit Nikon D3 fotografiert…

      viele Grüße,
      Norbert Michalke

      Antworten
  5. Hosting

    Ich habe jedoch mit meinem Kit Objektiv festgestellt, dass es im Raum auch schon mal etwas zu lang sein kann und ich dann ein baby nicht mehr als Ganzk rperaufnahme auf das Bild bekomme.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar zu Werner Keitel Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Zur Vermeidung von SPAM bitte diese kleine Aufgabe lösen: * Time limit exceeded. Please complete the captcha once again.