Neue(!?) Analogkamera mit Nikon-Anschluss

Es ist schon erstaunlich. Da bringen ein paar engagierte Leute eine edle neue Analogkamera auf den Markt, und werden von Fotofans deswegen mit Dreck beworfen. Sind das nur windige Geschäftemacher, die billigen Ramsch auf edel trimmen? Von einem „Riesenbetrug“ ist die Rede, was aber steckt dahinter?

Auf dem Crowdfunding-Portal Kickstarter läuft momentan eine Kampagne zur Finanzierung der Produktion einer Analog-Kamera namens „Ihagee Elbaflex“, die eigentlich die Film-Gemeinde begeistern müsste. Ausgestattet mit einem Nikon-F-Bajonett lassen sich daran viele alte und in gutem Zustand auf dem Gebrauchsmarkt erhältliche Nikon-Objektive nutzen. Im Grunde genommen eine tolle Sache. Eine nagelneue Kamera mit gutem Namen, an der so schnell nichts kaputtgehen sollte. Aber Moment, woran erinnert mich diese „neue“ Kamera nur…?

Auf dem Pressefoto ist ein peinlicher Fehler zu sehen: die Spiegelung wurde vergessen zu retuschieren.

Auf dem Pressefoto ist ein peinlicher Fehler zu sehen: die Spiegelung wurde vergessen zu retuschieren.

Hinter dem Projekt „Elbaflex“ stecken die gleichen Leute, die vor ein paar Jahren  in China und Russland produzierte Billiglinsen auf den guten Namen „Meyer Görlitz“ umlabelten und teuer verkauften. Nun kommt offenbar ein weiterer Versuch hinzu, mit auf edel getrimmter Simpel-Technik viel Geld zu verdienen. Das Rezept ist wieder das gleiche: Nimm einfache billige Technik, kaufe einen gutklingenden alten Namen dazu und stilisiere das Ganze mit viel mythologischem Werbetamtam zu einem Kult.

Ein peinlicher Fehler ist den Leuten von Ihagee allerdings unterlaufen: Wer sich das Pressefoto mal ganz genau ansieht, merkt dass die Spiegelung der Kamera unretuschiert geblieben ist: dort prangt noch der Originalschriftzug der fotografierten Kamera: „19M“, es ist eine „Kiev“! Weitere Hinweise finden wir auf der Webseite. „Das Innenleben der Kamera basiert auf ukrainischer Kameratechnik der Arsenal-Werke der späten 1980er.“

Das Original: Kiev 19M

Das Original: Kiev 19M

Wer einmal eine aus alter sowjetischer Produktion stammende „Kiev19“ in der Hand gehabt hat, weiss, warum die Russen eher im  Traktorenbau erfolgreich waren. Der Verschluss scheppert erbärmlich und beim Spannen meint man, ein klappriges Getriebe zu bedienen. Die anfangs aus dem Westen kopierten Kamerakonstruktionen der Waffenfabrik „Arsenal“ aus Kiew (heutige Ukraine) waren zwar billig, aber technisch eher grobschlächtig. Für den Objektivanschluss wurde einfach das Nikon-Bajonett kopiert. Da es keine Qualitätskontrolle im eigentlichen Sinn gab, waren die Kiev-Kameras für ihre Unzuverlässigkeit berüchtigt. Das letzte Modell, die Kiev19M, wird neu inklusive Normalobjektiv inzwischen für knapp 150 EUR hier angeboten.

Unter dem Traditionsnamen „Ihagee Elbaflex“ wird also nun eine analoge Spiegelreflexkamera mit Nikon-Bajonett angeboten, die der Kiev19M aufs Haar gleicht und offenbar aus umgelabelten ukrainischen Kameras besteht. Lediglich ein stylischer Holzgriff kam hinzu, der Belichtungsmesser wurde dagegen weggelassen. Unnötig zu erwähnen, daß die schon 1912 gegründeten Dresdener Kamerafabrik natürlich nichts mit den russischen Arsenal-Werken zu tun hatte. Das bekannteste Produkt der Sachsen war die Exakta Varex, die 1969/70 im Westen als „Elbaflex“ vertrieben wurde. Und auch das ist natürlich eine komplett andere Kamera, als das, was jetzt unter diesem Namen verkauft wird. Erstaunlicher Weise war allerdings weder der Name noch das Logo geschützt, so dass die Leute der neu gegründeten Ihagee GmbH diesen nun für die umgelabelte Kiev verwenden können.

Die bisher veröffentlichten technischen Daten sind allerdings nicht berauschend: Mechanischer Verschluss mit Zeiten von 1/2 Sekunde bis 1/500. Synchronzeit 1/60, kein Belichtungsmesser. Aber der Preis ist nicht ohne: nach der Kickstarter-Kampagne mit „Sonderpreisen“ ab immerhin 529,– Dollar soll sie ganze 1.500,– Dollar kosten.

Der Namensgeber: Elbaflex von 1968 (Foto: Minya S, CC BY-SA 3.0)

Der Namensgeber: Elbaflex von 1968
(Foto: Minya S, CC BY-SA 3.0)

Klar kann man auch mit einer „Elbaflex“ analog fotografieren. Aber warum eine sauteure schlechte Kopie nehmen, wenn man die echten Oldtimer,  die aus der Blütezeit des japanischen Kamerabaues stammen, noch gut restauriert bei Nikonclassics bekommt?

Gut, man bekommt offenbar eine nagelneue Kamera. Aber es darf bezweifelt werden, daß die ukrainische Technik an die feinmechanische Präzision einer alten Nikon FM2n heranreicht. Auch wenn, wie auf der Webseite berichtet, das Material von Verschluss und Spiegeldämpfer verbessert worden ist: mit dem Austausch von ein paar Kleinteilen macht man aus einem Trecker noch keinen Sportwagen. Letztlich ist es auch eine eher fragwürdige Methode, durch die Verwendung des alten Namens den falschen Eindruck zu erwecken, es handele sich um ein Produkt traditionellen Kamerabaues aus Deutschland. Dabei ist das einzig deutsche daran der Eichenholzgriff. Wenn überhaupt.

 

 

8 Gedanken zu „Neue(!?) Analogkamera mit Nikon-Anschluss

  1. Mistral75

    As you noticed and reported, this so-called Exakta Elbaflex is a revamped Kiev 19M, a 1988 camera from the Soviet Union, with a wooden grip replacing the original plastic one and with no light meter.

    They had to eventually admit it in the Comments section of the Kickstarter project :

    „So, yes: the design is based on the Kiev 19M but you are getting a brand new camera with a guarantee.“

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  2. Mistral75

    The Koblenz-headquartered net SE group (www.netag.de) is behind the resurrection of Ihagee Elbaflex.

    They are also behind the resurrection of Meyer-Optik Görlitz, Oprema Jena (Biotar lenses), Emil Busch A.-G. Rathenau (Glaukar Anastigmat lens) and C.P. Goerz.

    Most trademarks belong to their subsidiary SEMI Verwaltung GmbH, also headquartered in Koblenz: C.P. Goerz, Ihagee, Meyer Optik, Biotar, Lydith, Makroplasmat, Nocturnus, Oreston, Primagon, Telemegor and probably more.

    Some trademarks belong to net SE directly: Emil Busch A.-G. Rathenau, Glaukar and Anastigmat.

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  3. Carlos

    Warum die „neuen“ Kameras eine Chance haben überhaupt wahrgenommen zu werden?
    Aus meiner Sicht, weil man alte Kameras von guten Händlern mit hohem Preis kauft, diese sich aber nicht als Zuverlässig zeigen in kühleren Temperaturen (0-5C), wenn man mal an nem schönen Wintertag fotografieren möchte und der Film geradezuschwergängig zu kurbeln ist oder gar die Zeiten sich wieder verlaufen. Warum 400EUR in ein solches Objekt der Flohmarkthändler investieren, wenn man neuere mit Gewährleistung bekommen kann für die sich sogar eine Reparatur lohnt. Nein, ich finde die Ihagee gelinde gesagt Schrott, bin aber nachdem ich eine Nikkormat hier gekauft habe die nix taugt zu Leica gewechselt. Der einzige Hersteller der sich tatsächlich um den ollen Kram kümmert und dessen Marktwert hoch genug ist, um ein paar hundert EUR reinzustecken, wenn’s überhaupt nötig sein sollte.

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  4. Joachim Vogt

    Unsere Affinität zu Nikon-Produkten hat schon ihre Gründe. Zum einen den hohen Perfektionsgrad, den die feinmechanischen Meisterwerke aus Tokio zu Produktionsende erreicht haben. Sie wurden schließlich jahrzehntelang immer weiter optimiert. Zum anderen das gefällige Design, selbst dort, wo Giugiaro nicht am Werke war. Da kann eine umgelabelte Kiev einfach nicht mithalten. Das sehe ich genauso wie Norbert Michalke. Also liebes Kickstarter-Team: Gut gemeint, aber schlecht gemacht. Trotzdem viel Erfolg für Euer Projekt!

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  5. Meier

    Aus reiner Neugier habe ich mir mal eine Kiev19M gekauft aber noch nie genutzt. Ich werde die aber mal ausprobieren und berichten. Grundsätzlich bin ich ja eher ein Fan von Zenit aus Krasnogorsk, weil ich mal mit einer Zenit EM als Jugendlicher angefangen habe und die mir immer treue Dienste geleistet hat. Wenn ich mir den Preis von 1.500 Dollar so ansehe, dann bekommt man dafür nach meiner Kenntnis schon eine Nikon F6. Im Ebay kostet eine angeblich neue Kiev19M mit Transport so um die 200,- € und mt Zoll und Einfuhrumsatzsteuer liegt man dann bei ca. 215,- €. Da leg ich dann noch 50,- € drauf und bekomme von Nikon-Classics dann schon eine gute gebrauchte Nikon- Kamera, die auch Blitz-TTL hat. Wer das nicht unbedingt braucht, der ist mit einer Nikon FTN meiner Ansicht nach in jedem Falle besser bedient, auch wenn die Kiev bis zu 3.200 ISO kann und die FTN „nur“ bis 1.600. Ich jedenfalls bin Herrn Michalke für meine FTN jeden Tag dankbar. Ansonsten denke ich dass man mit einer FM3A, die von einem Nikon-Service-Point überprüft wurde, weitaus mehr für sein Geld bekommt. Wie dem auch immer sei, eine „aufgemotzte“ Kiev19M für 1.500 $ halte ich persönlich für „Abzocke“. Es bleibt zu hoffen, dass wenigstens eine englische Bedienungsanleitung dabei ist und man nicht erst Russisch oder Ukrainisch lernen muss, um das Teil bedienen zu können.

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    1. Randle P. McMurphy

      Nun es war schon immer etwas teurer einen „besonderen Geschmack“ zu haben.
      Aus meiner Zeit als ich als Leica-Besitzer mir noch die Mühe gemacht habe mich
      auch in Foren auszutauschen gab es auch dort unter den ansonst handverlesenen
      Snobs noch eine Gruppe die um auch noch aus der Masse abzuheben mußten indem
      sie „russisches Altglas“ an ihre sauteuren „Spielzeuge“ adaptierten.
      Wie John Wayne schon sagte: „Das Leben ist hart – aber härter wenn man doof ist“ .

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  6. Markus Klümper

    Zunächst muss sich jeder selbst fragen, in welcher Form er analog fotografieren will. Sicherlich ist das „Wenn-schon-denn-schon“-Gefühl verständlich: Also wenn man schon auf Film fotografiert, dann bitteschön mit einer klassischen Spiegelreflex. Rein sachlich gibt es aber auch genug tolle digitalgesteuerte Modelle. Zwar hat eine F100 eher ihren eigenen Reiz, als dass sie den Charme „des Alten“ versprüht, aber das ist reine Kopfsache. Es ist eine Maschine zum Fotografieren. Alles andere ist Kopfsache.

    Je „klassischer“ eine Kamera sein soll, desto älter ist sie i.d.R. auch, wenn es nicht gerade eine FM3a wird. Damit wird auch das Risiko gesteigert, eine Kamera zu bekommen, die nicht nur sehr viel mehr Jahre auf dem Buckel sondern obendrein die weniger modernen Schmierstoffe in sich trägt.

    Unterm Strich ist der Anteil der einwandfrei funktionieren Kameras, die auf Dachböden oder in Kellern ihr Dasein fristen, extrem hoch. Die arbeiten dann auch noch bei -5 Grad oder kälter. Da sehe ich nicht die geringste Veranlassung einen nagelneuen Russen-Trecker zu kaufen.

    Für mich ist die Verkaufstaktik schon hart an der Täuschung. Schon die Nikon FM10 war für Markenfans eine emotionale Belastung. Eine Kamera aus dem Hause Cosina, die obendrein mit den Photo-Porst-Hausmodellen CARENA und sogar mit einer Canon baugleich waren, bis auf das Bajonett. Allerdings war die Nikon ein Modell für Schwellenländer: Günstig und robust. Das was die Igahee-Leichenfledderer hier machen, hat damit nix zu tun. Das ist einfach nur Etikettenschwindel.

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  7. Ron

    Über den Hype ums Equipment wird – wie so oft – das Fotografieren vergessen… Ein ordentlich gemachtes S/W mit meiner Praktica mit Pentacon 1.8 /50 (15€ bei eBay für beides zusammen) ist von einem mit Leica oder Nikon im „Blindvergleich“ nicht wirklich zu unterscheiden. Da geht es doch am Ende um die Haptik oder andere Sachen. MMn ist da auch die eigene Einstellung überdenkenswert: wer es technisch perfekt will, nimmt digital. Wer analog nimmt, sollte die entsprechenden Einschränkungen akzeptieren; kein Mensch hat sich in den 70/80ern über schwergängige manuelle Kameras, gerissene Filme etc. bei Minusgraden aufgeregt; das ist sozusagen systemimmanent. Aber wenn jemand den Schrott für 1,5k kauft, soll er doch. Er KÖNNTE dann ja bei -20 Grad ein tolles analoges Foto machen; wenn er denn dann rausgegangen wäre…;-)

    P.S. Wie lang war jetzt gleich die Gewährleistung….??? Wir reden hier über Kameras, die nach 30,40 oder mehr Jahren noch problemlos ihren Dienst tun, die 2 Jahre könnte selbst die Kiew schaffen… LOL

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