Gibt es „Digital“-Objektive?

Wer eine professionelle Nikon DSLR mit Vollformatsensor wie die D800 erwirbt, könnte über einen Hinweis im Handbuch stolpern, der auf eine eingeschränkte Objektivauswahl hinweist. Denn laut Handbuch kommen für die maximale Schärfe bei Fotos nur einige, ausgewählte Linsen in Frage und Nikon listet hier nur die neuesten AF-S-Objektive auf. Haben ältere Objektive bei Vollformat-Kameras wie der D800 ausgedient?

Natürlich nicht. Nikon empfiehlt zu einer neuen Kamera deshalb nur neue Objektive, weil der Hersteller ja auch leben will. Trotzdem funktionieren prinzipiell auch alle anderen Objekte mit Nikon-F-Bayonett an der D800, teilweise auch sehr gut. An die optische Leistung stellt die Kamera allerdings besondere Ansprüche und es kommen hier nur hochwertige Objektive in Frage. Da die Auflösung von Vollformat-Kameras, besonders der D800 mit 36 Megapixeln in Bereiche vordringt, die bisher digitalen Mittelformat-Kameras vorbehalten waren, fallen Mängel auf der Optik sofort auf. Unschärfen und Farbverschiebungen treten deutlicher zutage. Aber ein Objektiv, das früher gut genug für Diafilm war, liefert  trotzdem auch mit Megapixel-Monstern wie der Nikon D800 ausgezeichnete Ergebnisse. Denn auch schon in analogen Zeiten waren selbst die besten Leica-Objektive immer noch schlechter als das Auflösungsvermögen eines sehr filmfeinkörnigen Filmes. Wie hätte man sonst den Unterschied sehen können? Es ist also nicht so, dass wie vielfach berichtet wird, die Schärfe älterer „analoger“ Objektive nicht für moderne Digitalkameras geeignet wäre. Hochauflösende Diafilme wie der seit 1990 angebotene Fuji Velvia 50 bieten eine sehr feine Granularität. Fuji gibt die Leistung dieses Films unter idealen Kontrastbedingungen mit 160 Zeilen pro Millimeter an (sehr feinkörnige Schwarzweiss-Negativfilme sind teilweise sogar noch besser). Eine Kamera bräuchte einen Bildsensor mit 87 Megapixeln, um an diese Auflösung heran zu kommen.

Aber es wird auch behauptet, dass insbesondere ältere Weitwinkelobjektive aus einem anderen Grund nicht für Digitalkameras geeignet seien. Und zwar deswegen, weil der Sensor nicht mit den sehr schräg auftreffenden Randstrahlen klarkäme. Im Prinzip ein nachvollziehbarer Gedanke.

Schnitt durch eine SLR

Schnitt durch eine Spiegelreflexkamera

Allerdings ist es ja so, dass bei allen Weitwinkelobjektiven für Spiegelreflexkameras sogenannte Retrofokuskonstruktionen zu Einsatz kommen. Das heisst, dass die Hinterlinse, bedingt durch den Schwingbereich des Spiegels, weiter vom Sensor entfernt ist als es der Brennweite des Objektives entspricht (siehe Skizzze). Dem Einfallswinkel der Lichtstrahlen auf den Sensor sind also bauartbedingte Grenzen gesetzt. Egal wie kurz die Brennweite ist, ein gewisser Winkel kann nie überschritten werden. Im übrigen ist ja auch der gute alte Film nicht eindimensional, denn auch die lichtempfindliche Schicht des Films besitzt eine gewisse Dicke.

Dass die guten alten manuellen Objektive also prinzipiell für Digitalkameras ungeeignet sind ist also ein Märchen. Es kommt immer drauf an. Das neue Nikkor 35/1,4 AFS ist bei offener Blende wohl wirklich besser als der manuelle Vorgänger. Andererseits ist das manuelle Nikkor 20/2,8 AIS der moderneren AF-Version überlegen, einfach weil es deutlich robuster gebaut ist – bei dem Autofokusobjektiv wurden nämlich auch im Innenleben Kunststoffteile eingesetzt. Und letztlich gibt es ja auch noch andere Gründe für eine gute alte Festbrennweite: die lesen Sie hier.

4 Gedanken zu „Gibt es „Digital“-Objektive?

  1. Randle P. McMurphy

    Ich bin schon seit über 30 Jahren im „Geschäft“ und in der ganzen Zeit waren
    die meisten Gründe für unscharfe Bilder 10cm hinter der Kamera zu finden und
    nicht davor. Schlampiges scharfstellen und Sprüche a la „die 1/30 halte ich noch
    locker aus der Hand“ sind einige davon…….

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  2. Ingo Müller

    Die Aussage von Nikon, dass nur wenige Objektive der neuesten Bauart für hochauflösende Digitalkameras geeignet sind, hat durchaus ihre Berechtigung, mit einer Einschränkung: sie gilt nur für unmodifizierte Kameras. AF-Objektive müssen auf hochauflösende Kameras individuell eingemessen werden, was laut Nikon nur bei G- und E-Nikkoren möglich ist. Ältere D- und AF-Nikkore liefern leider nur gerade mal ausreichende Abildungsleistungen im AF-Betrieb an einer D800E. Beim manuellen Fokussieren ist eine Schärfebeurteilung auf der Suchermattscheibe nicht möglich. Leider besitzen Einstellscheiben moderner Autofokuskameras keinen Prismenring oder Schnittbildindikator mehr und entsprechende, passende Scheiben gibt es von Nikon nicht im Zubehör. Die elektronische Einstellhilfe hat zu viel Spiel. Ein gewisser Bereich der Entfernungseinstellung wird noch als scharf erkannt obwohl die Einstellung für 36MPx bereits suboptimal ist. Mit etwas Übung bekam ich heraus, dass ich den Einstellungsbereich der Fokussierhilfe bis an den weiteren Grenzbereich bringen und dann den Entfernungsring ein Inkrement weit zurückdrehen muss. Dafür braucht man Ruhe und diese Methode ist nicht gerade alltagstauglich. Lifeview mit starker Ausschnittvergrößerung funktioniert vom Stativ aus mit allen Objektiven, immer. Aufnahmen aus der Hand sind so aber nicht möglich. Abhilfe schafft hier nur der Einsatz einer Mattscheibe mit Prismenring und Schnittbildindikator von einem Fremdanbieter. Ich fand je einen Anbieter in den USA und Taiwan. Internetkommentare rieten vom Gebrauch der amerikanischen Scheiben ab. Der Anbieter in Taiwan bietet originale, ältere Scheiben von Nikon und Canon an, die auf das etwas kleinere Format für Digitalkameras umgefräst werden. Ich entschied mich für eine K-Scheibe. Die manuelle Fokussierung funktioniert seitdem mit allen Objektiven völlig problemlos mit knackscharfen Bildern. Mein neuester Zugang ist ein non AI PC-Nikkor 35/2.8 natürlich von Nikon classics in neuwertigem Zustand. Das über 40 Jahre alte Objektiv liefert fantastische Bilder selbst bei maximalem Shift. Ich liebe die Haptik der alten Heavy Metal Nikkore und ich werde meine Sammlung noch weiter in diese Richtung ausbauen. Aber auch die D-Nikkore sind jetzt manuell sehr gut zu fokussieren, nur dass ich den fast widerstandslosen Lauf des Entfernungsrings nicht mag. G- und E-Nikkore kommen für mich wegen des fehlenden Blendenrings nicht in Frage. Sie sind nicht mit älteren, analogen Nikons kompatibel und lassen sich nicht auf eine Sony adaptieren. Fazit: hochwertige, ältere Nikkore liefern an einer D800E hervorragende Ergebnisse und sind günstig in tadellosem Zustand zu bekommen.

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  3. Randle P.McMurphy

    Hallo Ingo,
    es simmt das die manuelle Scharfstellung an aktuellen DSLR etwas kniffelig ist.
    Anders als Film zeigt ein digitaler Sensor mit 36 MP zudem gnadenlos jeden Fehler auf
    zumal wir die Bilder auch fast immer bei 100% am Bildschirm beurteilen.
    Was aber ein grandioser Vorteil heutiger Digitalkameras ansehe ist die sofortige Kontrolle
    der Bildergebnisse am Kameramonitor und die Möglichkeit über „Liveview“ scharfzustellen.
    Kamera aufs Stativ – Liveview eingeschaltet und die Schärfe stimmt auf den Punkt !

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    1. Ingo Müller

      Hallo Randle,
      Liveview zur Schärfeeinstellung ist leider nur mit Hilfe eines Stativs möglich. Das ist nicht immer praktikabel. Die Einstellscheibe K funktioniert in der D800 sehr gut, ich möchte sie nicht mehr missen. Nur das Einsetzen war etwas problematisch, da der Haltebügel der D800 nicht als Tragrahmen ausgeführt ist. Die Scheibe muß samt diverser Abstandshalter in der auf dem Kopf stehenden Kamera gut ausgerichtet auf das Prisma gelegt werden. Beim Arretieren des Haltebügels kann alles verrutschen und man fängt wieder von vorn an. Außerdem muss die richtige Anzahl Abstandshalter durch mehrfache Probeaufnahmen bestimmt werden und für jeden weiteren Abstandshalter muss die Einstellscheibe wieder herausgenommen werden. Aber letztlich hat sich die Mühe gelohnt. Mit Prismenring und Schnittbildindikator ist das manuelle Fokussieren kein Problem mehr.

      Viele Grüße
      Ingo

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