Nikon F90: perfekte Belichtung mit Highspeed-Fokus


Die Nikon F90 wurde 1992 in eine Zwischenwelt geboren: Nicht so robust wie das Profimodell Nikon F4, aber deutlich besser ausgestattet als die MIttelklasse-Nikons F501 und F601. Die F90 kam in mehreren Varianten auf den Markt. Neben der Standardversion die F90D mit serienmäßiger Datenrückwand MF-25, die F90S mit Multifunktionsrückwand MF-26 sowie ab 1994 die grundlegend verbesserte Nikon F90X.

Nikon war in diesen Jahren noch unbestrittener Weltmarktführer bei den Profikameras, aber in einer Zwangsituation: der immer mächtiger werdenden Konkurrent Canon hatte ein Autofokus-System entwickelt, das dem von Nikon in Punkto Schnelligkeit überlegen war. Canon baute nämlich von Beginn an die Fokusmotoren in die Objektive ein, wodurch sich eine mechanische Kupplung zwischen Objektiv und Kameragehäuse erübrigte. Bei Nikon hingegen saß der Fokusmotor im Kameragehäuse. Über die berühmte Stangenkupplung wurde die Bewegung des Motors ins Objektiv übertragen. Das machte zwar die Objektive einfacher und billiger, hatte aber den Nachteil des längeren Übertragungsweges. Erst später, ab 1996, baute Nikon die Fokusmotoren standardmässig auch in die Objektive ein, die dann „AF-S-Nikkore“ genannt wurden.

Die F90 sollte als Nachfolgemodell der Nikon F801 der Beweis dafür sein, daß der Stangenautofokus ebenso schnell war wie Canons Fokussystem. Deshalb bekam sie ein schnelleres AF-System verpasst als der große Bruder F4. Erstmalig wurde auch ein kreuzförmiger AF-Sensor verbaut, der sicherer scharfstellt und auch erstmalig eine Schärfe-Nachführung erlaubte. Bei F90X konnte durch verbesserte Software und Fokusmechanik die Fokussiergeschwindigkeit nochmals deutlich gesteigert werden.

Ausserdem wurde mit der F90 das Zeitalter der 3-D-Matrixmessung eingeläutet: das Prinzip der Matrixmessung wurde beibehalten, aber um die dritte Dimension ergänzt. Das Sucherbild wird in mehrere Bereiche aufgeteilt und für jeden Bereich Belichtung und Kontrast festgestellt. Dazu sind die neuen AF-D-Nikkore erforderlich, die der Kameraelektronik ausserdem auch noch mitteilen, auf welche Entfernung der Autofokus scharf gestellt hat. Diese Information geht dann in die Gewichtung der Belichtungsdaten mit ein.
Unter uns: der Unterschied zu den älteren AF-Nikkoren (ohne „D“) ist in der Praxis vernachlässigbar und spielt höchstens bei Extremfällen oder Blitzbelichtung auf Diafilm eine Rolle.

Deutlicher allerdings unterscheiden sich die schon oben erwähnten späteren AF-S-Nikkore, die durch den im Objektiv eingebauten Ultraschallmotor wesentlich leiser und auch etwas schneller fokussierten. Bei der Konstruktion der F90 waren die Ingenieure allerdings ebenso wie bei der F4 sehr vorausschauend. Die Kompatibilität für diese erst einige Jahre nach den Kameras erscheinenden Objektive wurde schon mit eingebaut. VR wird allerdings nicht unterstützt, die neueren „G“-Nikkore ohne Blendenring lassen sich nur eingeschränkt nutzen.

Alles in allem ist die F90 eine hochentwickelte Spiegelreflexkamera, die zu Unrecht etwas in Vergessenheit geraten ist. Das momentan noch etwas aus der Mode gekommene 90er-Jahre-Design mit vielen Kunststoffteilen mag noch etwas abschreckend wirken. Aber robust konstruiert, ausgerüstet mit einem perfekten Belichtungssystem und einem schnellen Autofokus bietet die Nikon F90 fast alles, was man sich bei einer analogen Kamera nur wünschen kann.

Achten Sie beim Kauf aber auf das typische Problem bei dieser Kamera: die klebrig gewordene Rückwand. Bei Nikonclassics können Sie aber mit etwas Glück ein einwandfreies Exemplar erwerben.

Zum weiterlesen:

http://www.digitalb2.de/nikon/systemcd/htm/05/0505b__d.htm

http://www.lausch.com/dreizehnterteil.htm

https://www.kenrockwell.com/nikon/n90s.htm

Download des Manuals zur US-Version N90

4 Gedanken zu „Nikon F90: perfekte Belichtung mit Highspeed-Fokus

  1. Ralf Schlott

    Wunderbar diesen Kameras einen Artikel zu widmen. Ich habe als Teen eine F90x als neues Modell besessen und später gegen eine Digitalkamera eingetauscht (Canon IXUS). Eigentlich ein blöder Wechsel, so war aber die Zeit.
    Vor ein paar Jahren habe ich mir aber 2 F90 gekauft und mache auch ab und an Aufnahmen damit. Nur mache ich mehr Aufnahmen mit der D800, was aber von der Bedienung her fast ähnlich ist wie die F90.

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  2. Michael Schmidt

    Schön zu lesen, dass ich 1995 mit meiner F90X keinen Mist gekauft habe …. 🙂
    Ich weiß noch gut, wie ich eine wenige Monate zuvor gekaufte Canon EOS 500 an meinen Vater weitergab, nur damit ich den Erwerb der Nikon vor mir „rechtfertigen“ konnte. Aber die ganze Haptik der Kamera, das satte Gewicht…. ich musste sie einfach haben.
    Ein paar Mal im Jahr schieß ich immer noch einige Filme durch neben all den digitalen Segnungen (aus dem gleichen Hause). Und sei es nur um die Kinder zu entschleunigen, für die alles Analoge aus einer anderen Zeit kommt, obwohl die noch garnicht lange her ist.

    Nervig ist allerdings tatsächlich der Kunststoffschmier, den ich vielleicht doch mal rabiat wegkratzen / isopropylieren sollte.

    Und obschon das Fotografieren damit Spaß macht – irgendwie fehlt mir noch ein manueller Body einer FE 2 oder FM3a für das richtige analoge Feeling. Muss wahrscheinlich einfach so lange diesen Blog lesen bis der Habenwill-Reflex übermächtig wird 🙂

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  3. Björn L.

    Schön zusammengefasst!
    Aber bzgl. der Objektive mit eingebautem Fokusmotor ist der Artikel falsch.
    1992 wurden die AF-I Nikkore eingeführt, die einen „kernlosen“ Motor enthielten. Aufgrund dieser Objektive enthalten sowohl die F4 als auch die F90(x) Kontakte für Objektive mit eingebauten Fokusmotoren. Später kamen dann natürlich die AF-S Nikkore, die schnellere Ultraschallmotoren verbaut hatten.

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    1. Nikonclassics Artikelautor

      Ja, im Prinzip richtig. Allerdings gab es 1992 lediglich zwei AF-I-Nikkore: die hochlichtstarken Supertele 2,8/300 und das 4/600. Beides hinsichtlich Preis, Volumen und Gewicht ausgesprochene Profi-Objektive, die für den Amateur nicht interessant waren. AF-S-Objektive für „Normalverbraucher“ gab es da noch nicht.

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