„Reflex“ – Top oder Flop?

Das Comeback der analogen Fotografie nimmt immer mehr Fahrt auf. Neben dem Versuch, alte Ostblock-Kameras als moderne Klassiker zu verkaufen, gibt es aber noch ein anderes, höchst interessantes Projekt. Gradezu revolutionär mutet die Idee an, eine analoge Speigelreflexkamera nicht nur mit einem auswechselbaren Filmmagazin auszustatten, sondern auch mit verschiedenen Anschlussplatinen für unterschiedliche Objektivbajonette. Aber ist das realistisch?

Bildschirmfoto 2017-11-21 um 11.56.38 (2)Das Projekt „Reflex“, das sich über die Crowdfundingplattform Kickstarter soeben mit den ersten 130.000 Britischen Pfund finanziert hat, ist eine neue, schön anzusehende Konzeptkamera, von der viele Fotofreunde lange geträumt haben. Auf den ersten Blick mutet es wie eine der vielen Spiegelreflexkameras der 60er und 70er Jahre an. Das sorgfältig designte Gehäuse nimmt die Formsprache der grossen Zeit der Analogfotografie auf. Die edel anmutende Oberfläche aus hochwertigem Material lässt auf ein ebenso sorgfältig konstruiertes Innenleben schließen. Aber  wenn man sich die bisher bekannt gewordenen technischen Daten dieses Wunderwerkes anschaut, wird einem bei einigen Details ganz schwindlig:

  • 35mm-Kamera mit modular wechselbarem Objektivanschluss für Nikon F, Olympus OM, Canon FD, Pentax PK und M42.
  • Manueller Filmtransport
  • abnehmbare Filmkassette
  • Manuelle Fokuseinstellung
  • Verschlusszeiten 1s – 1/4000s, Synchronzeit 1/125s
  • Belichtungseinstellung manuell oder Zeitautomatik
  • Verschluss und Spiegelbewegung mittels Elektromotor
  • Bluetooth-Schnittstelle zur Übertragung von Belichtungsdaten aufs Smartphone
  • Open-Source Software Arduino
  • Eingebautes Blitzlicht, sowie
  • eingebautes LED-Dauerlicht
  • ISO 25-6400
  • Gehäuse aus Magnesiumlegierung
  • Gewicht 490g

Ein kühnes Projekt, in der Tat. Ob es allerdings wirklich durchführbar ist wage ich zu bezweifeln.

Das "Reflex"-Team

Zuerst wurde ich stutzig, als ich mir das Team mal genauer ansah, das dahintersteckt. Neben dem Kopf des Projektes, Laurence Von Thomas, der als Fotograf, Blogger, Kurator, Verleger und Designer aktiv ist, besteht die Mannschaft aus einem Designstudenten, einem Formel-1-Ingenieur, einem Elektronikbastler ohne Berufserfahrung  und ein paar weiteren Designern. Das mag ja ein durchaus kreatives Team sein. Mir ist aber etwas schleierhaft, wie diese Leute ein komplettes Kamerasystem konstruieren wollen. Noch dazu eines, in dem es vor technischen Finessen nur so wimmelt. Wer einmal eine alte Spiegelreflexkamera geöffnet und das Zusammenspiel der komplizierten mechanischen Kleinteile bewundert hat, weiss, wovon ich rede. Kameras wie die Nikon FM2 oder Leica M4 sind das Ergebnis von vielen tausend Ingenieursstunden, der harten Arbeit von Spezialisten mit jahrzehntelanger Erfahrung im Kamerabau. Dazu erfordert nicht nur die Konstruktion, sondern auch die Herstellung  viele Fachleute, die so etwas nicht zum ersten Mal machen. Leider ist das Know-how des klassischen analogen Kamerabaues aber größtenteils schon verschwunden. Schon 1998 hatte Nikon bei der Konstruktion der FM3a Probleme, die notwendigen Technologien dazu wieder hervorzukramen.

a733c7d823f7201579b878da87b21c74_originalVon all dem ist auf der Webseite nicht die Rede. Da wird lieber von dem modularem Design geschwärmt, das ja auch in der Tat eine tolle Sache wäre. Gäbe es da nicht ein paar Probleme, die aber lieber nicht auf der Webseite erwähnt werden. Wie soll zum Beispiel das Zusammenspiel zwischen Kameragehäuse und Objektiv  genau funktionieren? Auf den schönen Fotos ist kein Mechanismus zu erkennen der die eingestellte Blende des Objektives zwecks Belichtungsmessung an die Kamera überträgt. Oder eine Mechanik,  die dafür sorgt, daß diese auch für die Aufnahme geschlossen wird. Bei Nikon zum Beispiel wurde die eingestellte Blende folgendermassen an das Kameragehäuse übermittelt: bis 1977 über die sogenanten „Hasenohren„, eine Gabel auf dem Objektivring, in die ein entsprechenden Mitnehmer am Kameragehäuse eingeführt wurde. Später gab es die einfacher zu handhabende „AI-Kupplung“, die nun aus einer Stufe im Blendenring bestand, die einen kleinen Schniepel am Objektivbajonett bewegte. Heute wird die Blende elektronisch übertragen. Ein weiterer Hebel sorgte dafür, daß das Objektiv zwecks hellem Sucherbild immer voll geöffnet ist. Kurz vor Öffnung des Verschlusses wird die Blende automatisch auf den eingestellten Wert geschlossen. Bei AIS-Nikkoren gibt es einen zusätzlichen Nocken, der der Kamera mechanisch die angesetzte Brennweite mitteilt.

Von all diesen Übertragungsmechanismen ist auf den Fotos der Objektivplatinen nichts zu sehen. Hinzu kommt, daß diese Systeme bei den verschiedenen Herstellern, für die es Objektivplatinen zu kaufen geben soll, komplett anders konstruiert sind. Es ist in meinen Augen nahezu unmöglich, hier eine kompatible Schnittstelle zu entwickeln, deren Mechanik dann in den Adapter passt und auch noch zuverlässig funktionieren wird. Sehr fraglich ist auch, wie der Schiebemechanismus gestaltet werden soll, der den Adapter an der Kamera hält. Er muss einerseits beweglich sein, um die Austauschbarkeit zu gewährleisten, andererseits aber sehr fest, um auch schwere Objektive höchst präzise zu fixieren und dabei auch noch absolut lichtdicht sein .

e5cd6ff7f20d0c714409c090b8938c66_original KopieEine weitere technische Hürde stellt das  sonst nur bei Mittelformatkameras übliche Wechselmagazinsystem dar. Die einzig mir bekannte Kleinbild-Spiegelreflex mit Wechselkassetten ausser Contaflex und Co. ist die Rollei SL2000 und deren Nachfolger. Von denen wurden Anfang der 80er ein paar tausend Stück gebaut, aber das Konzept verschwand bald wieder in den Annalen der Kamerageschichte. Wohl nicht ohne Grund, denn die technische Umsetzung eines solchen Systems ist nicht trivial. An die Filmplanlage, die Präzision des Filmtransportes und an die Lichtdichtigkeit werden höchste Anforderungen gestellt.

Wie sieht es mit der Zuverlässigkeit aus? Selbst wenn es dem Team um Laurence von Thomas gelingen sollte, eine Kamera zu bauen, wird diese dann zuverlässig und langlebig ihren Dienst verrichten? So wie eine Nikon F2, die auch heute noch, fast 40 Jahre nach ihrer Konstruktion, eine der robustesten und unverwüstlichsten Kameras des Marktes ist? Eine der grössten Herausforderungen für einen Ingenieur ist es ja, ein Produkt zu schaffen, das durch wohlüberlebte Konstruktion und sorgfältige Materialauswahl nicht nur wenige Monate, sondern viele Jahre lang ohne Probleme funktioniert.

6b453daa14c27e2e25e68ab3b3d17820_original KopieIn der Vergangenheit brachten die grossen Firmen erfolgreich Kameras heraus, die entweder preisgünstig für den Massenmarkt konzipiert wurden und sich dann durch die grossen Stückzahlen rentierten. Oder solide und gut ausgestattete Profimodelle, für die Berufsfotografen sehr tief in die Tasche langen mussten, dass aber auch taten, weil sie dafür langlebige Spitzentechnik bekamen. Aber auch wenn die Analogfotografie derzeit eine Renaissance erlebt, wird sie dennoch eine Nische für Fotoenthusiasten bleiben und niemals wieder eine Verbreitung finden wie vor 30 Jahren. Die „Reflex“ soll zu Preisen ab ca. 400,– EUR verkauft werden, angesichts der exklusiven Ausstattung erscheint mir das als ein sehr moderater Preis. Bisher gibt es allerdings lediglich paar hundert Interessenten. Ob sich das letztendlich rechnet, ist höchst fraglich.

Der Verkauf der „Reflex“ ist ab August 2018 angekündigt. E bleiben also noch 9 Monate. In dieser Zeit müssen die Konstruktionsarbeiten abgeschlossen und funktionsfähige Prototypen gebaut werden.  Diese müssen zur Serienreife entwickelt und im industriellen Massstab dann auch gefertigt werden. Und das mit einem Team, dessen bisherige Erfahrung in solchen Dingen gegen Null tendiert?

Was ist nun die „Reflex“? Ein zukunftsweisendes und visionäres Projekt? Der verrückte Traum von ein paar Enthusiasten? Oder gar bewusste Verbrauchertäuschung? Es würde mich sehr freuen, wenn die „Reflex“ Wirklichkeit wird. Aber ich wette dagegen, mit jedem der sich traut, um eine gute Flasche Wein.

 

 

4 Gedanken zu „„Reflex“ – Top oder Flop?

  1. Jörg Oestreich

    Im Prinzip finde ich sie gut und auch schön !!! Aber man wird sehen wie genau sie ist… bei so viel Flexibilität im Strahlengang tauchen sicher schnell Passungenauigkeiten auf. Ich habe mal bei meiner F3 erlebt wie ein 10tel Millimeter Abweichung unter der Mattscheibe zu einer Fokusabweichung von 20 Zentimeter geführt haben. Sicher wäre eine elektronische Anzeige der korrekten Fokusierung unabhängig von der Mattscheibe eine gute idee…

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  2. Enrico Weber

    Die Idee dieser Kamera finde ich grundsätzlich erst mal ausgezeichnet. Ob und wie es dann am Ende zu einem konkreten Produkt kommt finde ich auch mindestens spannend. Evtl. muss sich ja das Projekt von dem einen oder anderen zunächst angedachten Feature verabschieden, aber trotzdem gefällt mir die Vorstellung einer neuen analogen SLR, die nicht aus Plastik sein könnte.
    Bei der Sache mit der „iPlate“ vermute ich einen einfachen Arbeitsblenden-Abgleich. Ich glaube nicht, dass da irgendwas an das Gehäuse übertragen wird.

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  3. Andreas Lipp

    Ja toll, endlich kann ich meine alten Nikkore wieder einsetzen. Obwohl, ich habe ja noch zwei F2AS, die ich nicht mehr benutze…
    Dann warten wir halt noch auf das Digitalrückteil. Obwohl, dann bleibe ich doch wieder bei meinen D3.
    Spaß beiseite.
    Jedenfalls haben die Burschen dann ein paar Monate lang einen gutbezahlten Job gehabt, und eine kapitale Pleite hingelegt.
    Ich jedenfalls brauche weder wechselnde Bajonette, und — sollte ich jemals wieder analog fotografieren wollen — keine andere Kamera, als meine F2ASen, die lediglich neue Dichtungen brauchen.

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  4. A7

    Gibt es nicht genug sehr gute analoge Kameramodelle am Markt?
    Habe selber auch drei Stück analoge Bodies (aktuell unbenutzt): FM, FE und FE2. FM und FE mit Transportmechanismus Problemen. Macht es nicht mehr Sinn, sich ein paar gängige Modelle herauszusuchen und dafür Ersatzteile herzustellen? Dann laufen die doch noch ewig weiter – in bewährter Qualität. Mein aktueller Ersatz ist eine A7. Erinnert mich stark an meine Nikons. Größe, Desing und Haptik passen.
    Ich habe mal die FE aufgeschraubt. Unglaublich, was da an Feinmechanik verbaut ist und wie das alles ineinandergreift. Wie das in ähnlicher Ausführung für 400€ hergestellt werden soll? Haben die Menschen gefunden, die für 0,05€/Std. arbeiten? Das Projekt wirft in der Tat viele Fragen auf. Meine erste Nikon FM habe ich 1978 gebraucht (nur Body) für 300 DM gekauft. Wenn ich es richtig erinnere, war der damalige Neupreis bei knapp 700 DM.

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