Über das manuelle Scharfstellen

Wer zum ersten mal mit einer analogen, manuellen Kamera arbeitet, muss sich daran gewöhnen, dass nicht der Autofokus das Objektiv scharfstellt, sondern der Fotograf. Das mag einfach erscheinen, aber der Teufel steckt wie so oft im Detail. Denn viele werden sich wundern, dass ihre Aufnahmen nicht so knackscharf werden wie erwartet.

Als ich in den 19achtziger Jahren meine ersten Auftragsfotos machte, wunderte ich mich, dass Kollegen, die mit einer alten Leica fotografierten, immer schärfere Fotos mitbrachten als ich mit meiner Nikon FE2. Ich schob das erst auf die legendären Leitz-Optiken, biss ich merkte, dass sich die M-Leica viel leichter genau fokussieren liess (allerdings nur bei kurzen Brennweiten!). Ich war einfach beim Scharfstellen etwas nachlässig gewesen. Denn auch mit einer Spiegelreflexkamera lassen sich punktgenaue Fotos erreichen: man muss nur sehr, sehr sorgfältig fokussieren. Aber wie geht das?

unscharf

Unscharf eingestellt

scharf

Scharf eingestellt

detail

Detail: Schnittbildindikator mit Miroprismenring

Scharfeinstellen mit dem Schnittbild

Wenn Sie die Kamera in der Stellung für Querformatfotos halten, dann erkennen Sie genau im Zentrum des Suchers eine horizontale Linie. Visieren Sie damit eine senkrechte Linie im Motiv an, dann erkennen Sie, daß diese Senkrechte geschnitten ist. Nun drehen Sie einfach am Entfernungseinstellring des Objektives, bis die geschnittene Senkrechte wieder zu einer Linie wird. Haben Sie die Kamera in Hochformatstellung, dann werden horizontal laufende Linien im Motiv geschnitten.

Scharfeinstellen mit dem Mikroprismenring

Wenn ihr Motiv keine klaren Linien hat, die für das Schnittbild erforderlich sind. dann können Sie mit dem Mikroorismenring, der um das Schnittbild herum angeordnet ist, die Schärfe einstellen. Drehen Sie einfach so lange am Entfernungseinstellring des Objektivs, bis keine Struktur der Mikroprismen mehr erkennbar ist, bis das Bild glasklar sichtbar ist und nicht mehr „krisselt“. Bitte vergessen Sie nicht, das vor jeder Aufnahme zu kontrollieren. Und ich möchte nochmal betonen, wie wichtig diese genaue Fokussierung für ein gutes Bildergebnis ist.

Scharfeinstellen mit dem Mattscheibenfeld

Außer in den Bereichen, in denen Schnittbild und Mikroprismenring angeordnet sind, besteht die Einstellscheibe aus einer feinkörnig mattierten Mattscheibe. Sie hat einen besonderen Schliff, der ein bis in die Ecken gleichmäßig helles Sucherbild gewährleistet. Bei Aufnahmen mit Zwischenringen oder mit einem Balgengerät, bei extremen Nahaufnahmen also. erreicht weniger Licht die Einstellscheibe (und auch den Film), weil der Abstand von der Frontlinse zur Fiimebene größer ist. Deshalb dunkeln dann die Einstellhilfen der Einstellscheibe ab. Drehen Sie einfach so lange am Entfernungseinstellring, bis Sie die optimale Schärfe erreicht haben. Die Scharfeinstellung muß über die Mattscheibe erfolgen. Das gleiche gilt auch für den Fall, daß Sie einmal ein Teleobjektiv mit Lichtstärke 8 oder geringer ansetzen oder wenn ein Telekonverter die Ausgangslichtstärke des verwendeten Objektivs auf 8 oder geringer reduziert.

Welche Einstellscheiben gibt es und wo lassen sie sich einsetzten?

Viele analoge Nikon-Kameras verfügen über leicht wechselbare Einstellscheiben. Bei der Nikon F, F2, F3, F4 und F5 sind die Scheiben nach dem abnehmen des Prismensuchers leicht zugänglich. Die Mattscheiben der F und F2 sind kompatibel, alle anderen jedoch nicht. Bei der FE, FE2, FM2, FM3a und FA werden die Einstellscheiben mit einer mitgelieferten Spezialzange durch die Objektivöffnungen entnommen. Sie sind alle untereinander kompatibel, allerdings müssen teilweise Belichtungskorrekturen vorgenommen werden:

Einstellscheibe von FE/FM2 in einer FE2 oder FM2N: Korrektur – 1/3 Blende.
Einstellscheibe von FE2/FM2N in einer FE: Korrektur + 1/2 Blende.
Einstellscheibe von FE2/FM2N in einer FM2: Korrektur + 1/3 Blende.

allscreens

Das oben genannte Vorgehen zum Scharfstellen gilt für die Standardscheibe K mit Schnittbildindikator und Mikroprismenring. Es gibt aber noch mehr als ein dutzend weitere verschiedene Mattscheiben für die verschiedensten Einsatzzwecke. Einige haben Hilfslinien eingraviert, andere sind für bestimmte Spezialobjektive oder besondere Einsatzzwecke vorgesehen. Mehr dazu später. Die momentan bei Nikonclassics lieferbaren Typen finden Sie hier.

 

 

4 Gedanken zu „Über das manuelle Scharfstellen

  1. Randle P. McMurphy

    Hallo Herr Michalke,
    nur kurz meine Meinung zur Überlegenheit des Messsuchersystems in Bezug auf genauere
    Scharfstellung.
    Viele der Leica M Messucher müssen im Laufe der Jahre nachjustiert werden.
    Leider sind diese Fehler nicht immer offensichtlich da gerade mit Weitwinkelobjektiven
    in Reportagesituationen abgeblendet wird und der Fehlfokus durch die Schärfentiefe
    kompensiert wird.
    Zudem ist in Leicaforen öfters von Front/Backfocus zu lesen welcher entsprechende Optiken
    betreffend nur durch exakte Justierung und Angleichungung des Objektives an den Messucher
    durch den Kundendienst behoben werden kann.
    Verwendung von Offenblende bei Teleobjektiven kommt hierbei immer wieder ein Glücksspiel gleich.

    Möglicherweise auch der Hauptgrund weshalb viele der „Leica Jünger“ im digitalen Zeitalter
    den Vorteil des Liveviews zu schätzen wissen……..

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  2. Randle P. McMurphy

    Kurzer Nachschlag zum Thema „Schärfe“ oder besser gesagt „Schärfeeindruck“.
    Objektive haben nur eine Schärfeebene und vorausgesetzt diese ist exakt auf den Punkt gesetzt
    steigt der Kontrast des optischen Systems durch abblenden (2-3 Blenden) auf die so genannte
    „kritische Blende“ welche dem maximum der optischen Leistung bezüglich Kontrast/Punktschärfe
    gleichkommt – darüber hinaus abgeblendet mindert die „Beugung“ die optische Leistung wieder.

    Verwacklungs und Bewegungsunschärfe sind zusätzliche Faktoren die umso mehr auffallen
    desdo höher das verwendete Filmmaterial oder der Chip auflösen kann !

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  3. Jens V

    Kann ich eigentlich mit dem Schnittbild-Indikator scharfstellen, wenn meine Brillenstärke nicht korrekt ist? Oder führt mein Sehfehler auch dazu, dass ich beim Fokussieren daneben liege?

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    1. Nikonclassics Artikelautor

      Ein Sehfehler oder eine unpassende Brille führen beim Schnittbild-Enfernungsmesser nicht zwangsläufig zu falschen Ergebnissen. Allerdings kann es natürlich sein, dass die Mattscheibe und der Schnittbildkeil dann nicht scharf gesehen werden, und somit die Fokussierung erschwert wird.

      Antworten

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